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Keinen Schaden Anrichten

Medizin ist Handwerk, Kunst und Wissenschaft. Sie ist sehr alt. Erste Beweise für Operationen, Trepanationen des Schädels, reichen mehr als 8000 Jahre zurück. Mit der Renaissance begann die Wissenschaft die Medizin zu verändern. 1543 veröffentlichte Andreas Vesalius (1514-1564) De Humani Corporis Fabrica Libri Septem (In sieben Büchern über die Struktur des menschlichen Körpers), einen der großen Beiträge zur Medizin. Er enthielt anatomisches Wissen von beispielloser Präzision. Der Beginn der wissenschaftlichen Medizin war langsam, aber als sie im letzten Jahrhundert wirklich begann, wuchs der Bestand an medizinischem Wissen bald über die Kapazität des Einzelnen hinaus.

Aufgrund dessen und der Tatsache, dass das Wissen in der wissenschaftlichen Medizin nirgends so präzise ist wie in den Naturwissenschaften, bleiben die Aspekte von Kunst und Handwerk von Bedeutung. Wir sind viel zu komplex, um exakt wissenschaftlich erfasst zu werden. Zusätzlich gibt es die medizinische Ethik. Und dann gibt es auch noch einige furchtbare Geschichten.

Die Veden haben eine Warnung, Ahimsa, Sanskrit für Nicht-Schaden (A-Himsa, Gewaltfreiheit). Gewaltfreiheit ist auch ein Kernkonzept des buddhistischen Lebens. Diese Warnung hat einen abendländischen, lateinischen Kollegen: primum non nocere. Zu deutsch: Zuerst einmal nicht schaden. Der Ursprung dieses Wahlspruches ist ungewiss, aber als Konzept gehört er zum Hippokratischen Korpus (5. Jh. v. Chr.).

OK, hier haben wir eine Übereinstimmung darüber, was relevant ist, aber wie beachtet die Medizin dies, wie praktizieren wir Mediziner? Es gibt eine beeindruckende Spannbreite. Schauen wir uns in der Folge sechs verschiedene Ärzte an.

Shiro Ishi (1892-1959)

Direktor der Einheit 731 in der Mandschurei während des Zweiten Weltkriegs. Diese Einheit hat unglaubliche Gräueltaten begangen, einschließlich der Vivisektion schwangerer Frauen. Wenn es um Grausamkeit geht, ist diese Einheit schwer zu schlagen. Shiro Ishi musste nie vor Gericht erscheinen.

Josef Mengele (1911-1979)

Arzt und SS-Kommandant in Auschwitz, Engel des Todes. Wenn es um Grausamkeit geht, ist auch er schwer zu schlagen. Josef Mengele musste nie vor Gericht erscheinen.

Ernesto „Che“ Guevera (1928-1967)

Idealistischer Arzt und Revolutionär, der mit Gewalt Gerechtigkeit für alle suchte. Che betrachtete Ungerechtigkeit als Krankheit, bei der Gier und Grausamkeit der Wenigen die Ursache für das Leiden der Vielen ist. Er sah den pathologischen Prozess in der Ausübung von Macht. Weil die Wenigen ohne Hemmung Macht ausübten, sah er in der Gewalt die einzige Heilung. Diese Strategie schlug fehl und kostete schlussendlich sein Leben. Dies bringt ihn in die Reihe der Idealisten, die für extreme Positionen bezahlen. Che sollte für das, was er versucht hat, respektiert werden.

Andreas Vesalius (1514-1564)

Sein Beitrag, die Begründung der der modernen Anatomie, rettete unzählige Leben. Er erhielt Hilfe, aber ihm wurde auch Schaden zugefügt. Er starb in Armut.

Li Wenliang (1986-2020)

Er erahnte frühzeitig die Gefahr des SARS-CoV-2 Krankheit und versuchte zu warnen. Den Behörden hat es nicht gefallen. Er erkrankte selber an der viralen Krankheit und starb.

Janusz Korczak (1878-1942)

Jüdischer Kinderarzt mit Waisenhaus in Warschau. Die Nazis kamen Anfang August 1942. Er wusste was kommen wird. Er ging voran und hielt die Hand eines Kindes, gefolgt von einer langen Zweierkolonne, in der die Kinder auch Hände hielten. Er hatte die Waisenkinder in ihre besten Kleider gekleidet, alle trugen einen Rucksack mit ihrem Lieblingsbuch oder Spielzeug. Es wird berichtet, dass er und alle seine Kinder in den Zug gestiegen sind und nie mehr gesehen wurden.

Was Janusz Korczak tat, ist unglaublich heroisch: Er versuchte unter höllischen Bedingungen, das Beste für seine Kinder zu tun, und als das Unvermeidliche zu bewältigen war, schützte er sie, auch vor ihren Ängsten, so weit und so lange er konnte. Er war ein Bodhisattva. Ich habe die Geschichte zum ersten Mal gehört, als die Schule meiner Tochter sie als Theaterstück aufführte. Es kamen mir damals Tränen, wie auch heute.

Alle sechs waren akademisch gebildete Männer, alle waren auch in medizinischer Geschichte gebildet, eine Geschichte, die unglaubliches Leiden illustriert, und in medizinischer Ethik. Die Spannbreite ist enorm. Wir nehmen es besser zur Kenntnis und sind vorsichtig mit unserem Urteil. Viele von uns haben ein gemütliches Leben, viele von uns werden nicht getestet.

Die meisten Ärzte, die ich kenne, sind irgendwo in der Mitte. Sie spüren das Elend ihrer Patienten und geben ihr Bestes, um zu helfen. Wenn sie eine Krankheit feststellen, versuchen sie zu warnen. Wenn sie etwas Neues entdecken, so wollen sie das Wissen an ihre Kollegen weitergeben, damit geprüfet werden kann,  ob Verbesserungen möglich sind.

“Keinen Schaden anrichten” verbindet Orient und Okzident und ist gleichzeitig ein sehr wichtiger Wahlspruch. Schaden zuzufügen bedeutet nicht nur, anderen zu schaden, sondern auch sich selbst zu schaden. Das belastende Karma wird aufgeladen, und der Tag wird kommen, an dem es reifen wird. Altruismus ist der Egoismus, der Sinn macht.

Achtsamkeit und Meditation als Therapie

Der Achtfache Weg ist eine Form der Therapie, insbesondere Achtsamkeit und Meditation. Achtsamkeit bedeutet zu wissen, was man tut, und Meditation ist eine Form des Tuns, wobei man etwas mit seinem eigenen Selbst tut. Ich, Selbst und Geist müssen hier näher erörtert werden.

Vater oder Mutter eines Kleinkindes mit einem akuten Wutanfall an einem geschäftigen Ort weiss normalerweise: Ich will, dass dieses Geschrei aufhört. Wollen und was das Wollen erreichen soll, ist klar. Aber diese Klarheit schwindet je nach Umständen. Die Möglichkeit, das Ich zu identifizieren, hängt von den Umständen ab, hier ein Wutanfall. Wenn sich die Umstände ändern, ändert sich auch die Klarheit. Das Ich sieht dann vielleicht verschwommen aus, sowie das Selbst und der Geist auch.

Nehmen wir mal an, als Arbeitshypothese, dass das Ich im Selbst, und das Selbst im Geist enthalten ist. Obwohl plausibel, bringt dies ein neues Problem mit sich, nämlich die Grenzen. Ich ziehe mich an und gehe zur Arbeit, irgendwie nehme ich meinen Körper, meine Kleidung und mich selbst zur Arbeit. Dies impliziert, dass das Ich eine äußere Grenze hat, vielleicht die Kleidung oder den Körpergeruch oder eine weiter entfernte Grenze. Aber der Geist ist noch schwieriger, er kann über Galaxien und Gedanken nachdenken. Es sieht so aus, als ob der Geist keine Grenzen ausser seinen eigenen hat, und dies kann das bekannte, oder gar das gesamte Universum beinhalten.

Kurz gesagt, die drei sind in Konzept und Grenzen verschwommen. Weniger verschwommen ist das Leiden an gebrochenem Herzen und gebrochenem Knochen. Und das ist die Qualität, mit der sich die Medizin befassen muss. Es braucht Ärzte mit guten Herzen. Siehe oben, was passieren kann, wenn dies nicht der Fall ist.

Achtsamkeit wird meisterhaft von Thây (Thich Nhat Hanh, 1926-) in Das Wunder der Achtsamkeit (1975) und in Klar wie ein stiller Fluss (1990, engl.: Present Moment – Wonderful Moment) dargelegt. Das erste Buch ist auf dem INTERNET ARCHIVE verfügbar. Ursprünglich in 1974 als Brief an Bruder Quang veröffentlicht. Es wurde von Mobi Ho aus dem Vietnamesischen ins Englische übersetzt. Present Moment – Wonderful Moment wurde von Annabel Laity übersetzt.  

Ich habe Thây getroffen. Einmal sagte meine verstorbene Frau: Es gibt einen Zen-Meister, zu dem wir als Familie gehen können. So kam es, dass wir Plum Village 1991 mit unserer kleinen Tochter besuchten. Am Abend nach unserer Ankunft, in der Küche, kam die Nonne Chân Không (True Emptiness) zu uns, setzte sich und sagte: „Hier meditieren wir so, wir beobachten das Atmen.“

  ein  –  aus

          tief  –  langsam

  ruhig  –  leicht

     lächle  –  lass los

gegenwärtiger Moment  –  wunderbarer Moment

Für mich und meine Tochter, für meine Frau wahrscheinlich ebenfalls, die erste Meditationsinstruktion unseres Lebens. Erst Jahrzehnte später erkannte ich, das ist Thây‘s poetische und geniale Kurzfassung des Anapanisati Sutta (Achtsamkeit des Atmens).

Es war mein allererster Retreat. Am Ende gab Thây uns dreien ein Interview. Ich bin mir sicher, dass diese grosse Ehre meiner Frau zu verdanken war. Er war der erste Mensch von Bedeutung, den ich traf. Ich hatte das Glück, in diesem Leben hervorragende Lehrer zu treffen, angefangen mit einem Mathematiklehrer während meiner Schulzeit. Thây war aber ganz anders, er war das, was er sagte, und so war es auch mit seinen Nonnen und Mönchen. Achtsamkeit war ihre Hauptpraxis und sie lebten, was sie lehrten. Achtsamkeit ist leicht und schwierig, ich versage jeden Tag und muss mich täglich wieder erinnern.

Meditation ist eine weitere therapeutische Methode. Sie verlangsamt und kann Angst, Folgen von Stress und Schwere der körperlichen Reaktionen verringern. Sie braucht Disziplin und fördert Disziplin. Damit Meditation auch ihre Wirkung hat, muss sie glaubwürdig gelehrt werden. Glaubwürdigkeit braucht Erfahrung und Erfahrung braucht Geduld. Sie ist ein Medikament, aber sie kann nicht wie ein Medikament verschrieben werden.

Meditation muss man wollen, aber es ist das Selbst, das tun muss. In Chan besteht der erste Schritt darin, sich hinzusetzen, eine Haltung einzunehmen und sich beispielsweise auf die Bauchatmung zu konzentrieren. Wir nennen dies „Meditation mit einem Objekt“. Zu einem späteren Zeitpunkt kann das Objekt verschwinden, dann machen wir „Meditation ohne Objekt“. In der Meditation sind das, was tut und was getan wird, kongruent. Dies lässt es anders erscheinen als in der Wissenschaft, wo Subjekt und Objekt streng getrennt sind. Diese Sichtweise ist aber idealisiert. In beiden Situationen gibt es eine Qualität des Selbst, einen Beobachter, der in der Lage ist, nach innen zu schauen, wenn er meditiert, und in der Lage ist, nach außen zu schauen, wenn er Wissenschaft betreibt. Beide sind Prozesse, beide sind Störungen ausgesetzt, beide brauchen Übung und Übung.

Es scheint, dass die alten Hindus mit der Meditation begonnen haben. Die Upanishaden postulieren ein kleines menschliches Selbst, welches sich von einem großen göttlichen Selbst unterscheidet. Ersteres ist das Vertraute mit Schmerzen. Meditiere und die Schmerzen des Daseins werden abnehmen. Du geniesst es vielleicht sogar. Es besteht anfänglich keine Notwendigkeit für metaphysische Unterrichtung. Ab einem bestimmten Punkt ist jedoch eine Anleitung erforderlich. Du hast die Wahl, und wenn deine Wahl auf Buddhadharma fällt, bedeutet dies, Buddha Shakyamuni als Lehrer zu vertrauen. Aber auch er betonte immer, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Die Kontrolle erfolgt durch das Üben.

Wie funktioniert es? Es sind keine Entsprechungen zu pathophysiologischen Mechanismen bekannt. Einige erleben einfach, dass ihre Ängste nachlassen und die Stabilität zunimmt. Gut. Und bei Anderen?   Einigen geht dies nicht so einfach, dabei können Lehrer hilfreich sein. Gut. Meditation kann aber auch die Instabilität fördern, insbesondere bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, Depressionen und Psychosen. Vorhandene Tendenzen in diese Richtungen können dazu führen, dass Meditation schadet. Auch Retreats können psychische Instabilität und Krankheit fördern und auslösen.

Die meisten Religionen haben meditative Praktiken. Wichtige asiatische Medizinrichtungen, wie Ayurveda, Chinesische und Tibetische Medizin, haben solche unterstützenden Praktiken. In einer zukünftigen Weltmedizin, die alles Wissen über Heilung integriert, wird Meditation sicherlich ihren Platz haben.